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Über den Wert von Büchern

Neulich hatte ich ein interessantes Gespräch an einem kleinen Bahnhof. Während ich auf den Zug wartete, las ich in Harry Potter und die Kammer des Schreckens. Ein junger Mann sprach mich an und fragte, warum man solch seichte Unterhaltung läse und nicht etwas, was einen geistig voranbringe.
Leider wurde unser Gespräch durch die Ankunft meines Zuges unterbrochen, aber es veranlasste mich, über den Wert oder Unwert von Romanen und Sachbüchern nachzudenken.
Zunächst einmal fragte ich mich, wer über den Wert eines Buches entscheidet? Das Feuilleton oder die Bestsellerlisten? Beides ist nicht immer deckungsgleich. In meinem Bekanntenkreis gibt es Einige, die sich zu den Gebildeten zählen und die regelmäßig die Nase rümpfen über die Bücher auf der Spiegelbestsellerliste, weil die nur seichte Unterhaltung bietet und von den wahren Problemen der Welt ablenkt.
Aber ist das so schlimm?

Ein Sachbuch erklärt mir die Welt

Zunächst einmal muss jede für sich selbst entscheiden, was sie von einem guten Buch erwartet. Soll es lehrreich oder unterhaltend sein? Im besten Fall natürlich beides.
Ein Sachbuch kann mir Sachverhalte, Statistiken und Entwicklungen aufzeigen, aber es zieht mich nicht in die Materie hinein. In der Hirnforschung heißt es aber, die Verbindung von Information und Emotion sei ganz wichtig, damit wir wirklich Zugang zu einem Thema bekommen.

Jane Austen entführt mich ins 19. Jahrhundert

Hier kommen dann Romane ins Spiel. Romane ermöglichen es uns, über den Rand unseres Horizontes zu blicken und das in einer Weise, in der Sachbücher das nicht ermöglichen.
Die Romane von Jane Austen entführen uns auf amüsante Weise in das Leben des englischen Landadels im frühen 19. Jahrhunderts. Wir stellen fest, dass diese Frauen uns mit ihren Sorgen doch sehr ähnlich sind. Auch sie sind auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, schlagen sich mit unliebsamen Verwandten und überzogenen Ansprüchen herum.
Und die Harry Potter Romane geleiten uns in eine fantastische Parallelwelt, die auf den zweiten Blick gar nicht so anders ist, wie unsere eigene. J.K. Rowling macht uns begreiflich, dass auch ein Held wie Harry nur ein schüchterner Jugendlicher ist, der lieber ein weiteres Mal mit einem Drachen kämpfen würde, als ein Mädchen zu bitten, mit ihm auf den Weihnachtsball von Hogwarts zu gehen.
Muschelsucher von Rosamunde Pilcher hat in mir die Liebe zur Gärtnerei geweckt, wie es ein Sachbuch nie vermocht hätte. Wir können noch so viele Dokumentationen über den Holocaust sehen, aber es sind Geschichten wie Der Pianist oder Schindlers Liste, die uns das wahre Ausmaß des Grauens näher bringen.

Manchmal möchte ich nur unterhalten werden

Natürlich geht es nicht in jedem Roman darum, uns auf Missstände aufmerksam zu machen oder uns eine vergangene Epoche näherzubringen. Manche wollen einfach nur unterhalten. Ich finde auch diesen Anspruch gerechtfertigt. Denn nicht jede von uns will ständig mit geistig anstrengenden Dingen beschäftigt sein. Nach einem anstrengenden Tag im Büro, in dem wir Entscheidungen treffen, Steuererklärungen bearbeiten oder Kundinnenanfragen bearbeiten, ist die Aufnahmekapazität unseres Geistes erschöpft. Da liest Frau lieber Kerstin Gier als Herta Müller. Ich brauche auch die Abwechslung. Ich lese viele Sachbücher, vor allem über die Übel des ausufernden Kapitalismus oder darüber, wo es für Frauen immer noch nicht gut läuft. Da brauche ich dann regelmäßig meine politischen Auszeiten, in denen ich bewusst zu Romanen greife, um nicht völlig an der Welt zu verzweifeln.

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