Kapitel 1

Max Raabe drang in mein Unterbewusstsein.
Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich …
Langsam öffnete ich die Augen.
So lange ich hier wohn …
Sechs Uhr früh.
… ist es fast wie Hohn …
Ich zog mir das Kissen über die Ohren.
… schweigt das Telefon.
Meins nicht.
Schlaftrunken griff ich nach links und erwischte etwas Weiches, Seidiges. Es folgte ein empörtes Miauen.
„Ach Tristan“, flüsterte ich und schob den grauen Angorakater zur Seite, wobei ich seine lautstarken Proteste ignorierte.
„Hallo?“, nuschelte ich schlaftrunken in mein Telefon.
„Machst du endlich mal die Tür auf?“ Das war Tessa, eine meiner besten Freundinnen.
„Es ist sechs Uhr früh“, beschwerte ich mich.
„Liz braucht Hilfe.“
Seufzend schlug ich die Decke zurück, stieg die schmale Wendeltreppe zum Wohnzimmer runter und öffnete die Tür.
Liz, ebenfalls meine beste Freundin, fiel mir weinend in die Arme. Automatisch strich ich über ihre blonden Haare, um sie zu trösten.
Tessa ging mit einer Tüte in die Küche. Der Duft von frischen Brötchen zog an mir vorbei, war um diese Zeit aber nicht so verführerisch, wie es eine Tasse Kaffee gewesen wäre.
„Was ist denn los?“, wollte ich endlich wissen.
„Ramona ist tot.“
Liz schluchzte laut. Die dunklen Ränder unter ihren Augen verrieten, dass sie nicht geschlafen hatte.
Tessa rumorte in der Küche. Kurz darauf erschien sie inder Tür und hielt zwei Tassen Kaffee in der Hand, die sie Liz und mir reichte.
Während das Koffein sich einen Weg in mein Gehirn bahnte, hielt Liz mir die Zeitung hin.
„Böses Erwachen“, las ich. „Gestern Morgen wurde Ramona K. (34) erschossen in ihrem Schlafzimmer aufgefunden.“
Ich sah meine Freundin ratlos an. „Ja und?“
„Ramona war unsere Freundin”, sagte Liz. „Und deine auch.“
„Ach ja?“
„Jetzt kommt frühstücken“, rief Tessa aus der Küche.
Wir setzten uns an den runden Tisch, der leider nicht fürstlich gedeckt war.
Tessa deutete auf einige Verpackungen. „Marmelade und Käse, mehr gibt der Kühlschrank nicht her. Wie kann das sein, wo du doch immer am Essen bist?“
„Für mich hätte es gereicht“, nuschelte ich, stand auf, öffnete den Schrank über der Spüle und holte Butter, ein Glas Nutella und einen Rest Honig raus.
„Und jetzt erklärt mir endlich, was das alles soll. Mord ist schrecklich, aber auch in Aachen kommt sowas gelegentlich vor.“ Ich wandte mich an Liz. „Also warum bist du so erschüttert?“
„Warum lässt dich dieses grausige Verbrechen völlig kalt?“
„Ich habe es mir abgewöhnt, bei jedem Toten dieses Landes in Tränen auszubrechen.“
„Aber Ramona Sommer ist nicht irgendeine Tote,“ rief Liz schluchzend.
Eine Erinnerung bahnte sich ihren Weg durch´s Gehirn in mein Bewusstsein.
„Unsere Klassenkameradin vom Gymnasium?“
Liz nickte.
Jetzt war ich erschüttert.
Zwar hatte ich Ramona seit damals nicht mehr gesehen, trotzdem fühlte ich mich indirekt als Beteiligte eines Verbrechens.
„Aber hier steht Ramona K.“
„Sie hat geheiratet, du Dussel“, unterbrach mich Tessa.
„Woher weißt du das?“, fragte ich Tessa, denn sie hatte eine andere Schule besucht.
„Weil ich Liz schon die ganze Nacht getröstet habe und du nicht zu erreichen warst.“
Ich griff nach meinem Handy. Zehn Anrufe in Abwesenheit. „Das muss ich wohl überhört haben.“
„Und dein Festnetz war dauernd besetzt“, sagte Tessa.
„Probleme mit dem Anbieter“, behauptete ich, denn ich wollte nicht zugeben, dass mein Telefon seit Tagen in den Untiefen meines Chaoses verschollen war. „Außerdem war Daniel hier.“
Ich dachte an gestern, an die köstliche Lasagne, die ich für meinen Freund und mich gemacht hatte, an die Flasche Wein und alles, was danach passierte.
„Zum Glück war ich für sie da“, erklärte Tessa.
„Ramona kam vor ein paar Monaten in meinen Laden“, erzählte Liz. „Wir haben uns sehr lange unterhalten und uns seitdem regelmäßig getroffen.“
Liz betrieb einen kleinen Kinderbuchladen, einen Traditionsbetrieb, wie sie immer wieder betonte, weil das Geschäft schon ihren Eltern gehört hatte.
„Wie viele Kinder hatte sie?“, fragte ich.
„Noch keins“, erklärte Liz. „Aber sie und ihr Mann Frank versuchten alles, damit es endlich klappt.“
Ich griff nach einem Brötchen und bestrich es mit Butter und Zucker. Herrlich, dieser Kalorienkick am Morgen.
„Dann hat er sie ermordet“, sagte Tessa. „Vermutlich hat sie ihn zu sehr damit genervt.“ Sie bestrich ihr Brötchen mit Nutella und legte noch eine Scheibe Käse darauf.
„Beide wollten Kinder“, erwiderte Liz.
„Sagt wer?“ Tessa nahm ihre Kaffeetasse. „Die Tote?“
Ich versuchte, mich an Ramona zu erinnern, aber es war noch zu früh und ich hatte bisher nur eine Tasse Kaffee getrunken. Wortlos hielt ich Tessa meine Tasse hin. Da sie sich häufig die Nacht um die Ohren schlug, war sie um diese Uhrzeit schon putzmunter.
„Willst du nachher mit mir zu Ramonas Eltern fahren?“, fragte Liz. „Ich möchte gerne mein Beileid bekunden und erfahren, ob es schon erste Erkenntnisse gibt.“
„Im Gegensatz zu euch bin ich nicht selbstständig.“
„Ich kann den Laden auch nicht einfach zulassen.”
„Du hast aber Angestellte“, konterte ich.
„Ich habe nachher noch einen wichtigen Termin“, erklärte Tessa. Sie goss uns allen dreien Kaffee nach. Das Gebräu entsprach ganz und gar nicht meinem Niveau, aber es erfüllte seinen Zweck.
„Lass uns morgen hinfahren“, schlug ich vor.
Hätte ich zu diesem Zeitpunkt geahnt, wie sehr der Mord mein Leben verändern würde, wäre ich nicht so entspannt in den Tag gestartet.

Kapitel 2

Drei Stunden später saß ich im Foyer der Seniorenresidenz Frankenberg, wo ich im Sozialen Dienst arbeitete. Hauptsächlich ging ich mit den Bewohnern spazieren, las vor oder bot Spielerunden an.
Zwölf Bewohner hatten sich zu meiner wöchentlichen Zeitungsrunde eingefunden, wobei es passender wäre, von Bewohnerinnen zu sprechen, denn außer Herrn Backes saßen nur Frauen in der Runde. Aber so ist das in Deutschland. Sobald ein Mann anwesend ist, sind Frauen nur mitgedacht.
„Dann wollen wir doch mal sehen, was die Aachener Zeitung zu berichten hat.“ Ich griff mir eine Ausgabe vom Tisch.
„Das Einkaufscenter am Kaiserplatz wurde eröffnet.“
„Dafür sind wir zu alt“, sagte Frau Görres. „Shopping oder wie ihr jungen Leute das nennt.“
„Das heißt einkaufen auf englisch“, belehrte uns Herr Backes, ehemals Rektor einer Hauptschule.
„Hat ja lang genug gedauert mit dieser Einkaufspassage“,entgegnete Frau Backes. „All die Jahre, in denen man sich nicht einigen konnte, aber schon mal die alten Häuser abgerissen hat. Das sah aus, wie direkt nach dem Krieg.“
„Einen Mord gab es“, sagte Frau Görres, die ebenfalls in einer Zeitung blätterte.
„Im Fernsehen, gestern Abend.“ Herr Backes lachte.
Frau Backes knuffte ihren Mann in die Seite. Die beiden waren seit sechzig Jahren verheiratet und gehörten zu den Paaren, die sich nicht nur in ihren Gewohnheiten, sondern auch in ihrem Aussehen immer mehr angeglichen hatten. Beide waren von rundlicher Statur, trugen schwarze Hosen mit Strickpullis und Goldrandbrillen. Allerdings baumelte sie bei Frau Backes an einer Kette um den Hals, während Herr Backes seine immer auf den kahlen Schädel schob und dann suchte.
„Lesen Sie doch bitte vor, Camilla. Ich habe meine Brille oben vergessen.“ Frau Görres reichte mir die Zeitung und ich las den Artikel zum zweiten Mal an diesem Morgen.
„Ein Mord in Aachen?“, rief Frau Richter, eine begeisterte Krimileserin. „Das ist ja auregend.“
„Ich finde es eher gruselig“, sagte Frau Backes, „dass so etwas auch bei uns passiert.“
„Der Ehemann war´s“, sagte Frau Richter. „Es sind immer die Ehemänner.“
„Nanana“, rief Herr Backes. „Das ist diskriminierend.“
„Nein, Tatsache“, erwiderte ich. „Tut mir leid, Herr Backes, aber die meisten Gewalttaten werden von Männern begangen.“
„Das gilt besonders fürs Erschießen. Hab ich neulich noch auf 3Sat gehört.“ Frau Richter zog ihre weiße Spitzenstola, die sie fast immer trug, enger um die Schultern.
„Natürlich“, sagte Frau Görres. „Uns sind diese Dinger suspekt. Selbst auf dem Öcher Bend habe ich noch nie so ein Gewehr in die Hand genommen.“
„Sie könnte Selbstmord begangen haben“, meldete sich Frau Backes zu Wort. „Genau wie die Tochter von Schwester Regina auf Station drei.“
„Frauen möchten gut aussehen, auch im Tod”,widersprach Frau Richter. „Und ein Loch im Kopf sieht nicht gut aus.“
„Außerdem ist die Familie Sommer sehr gläubig“, entgegnete Frau Görres. „Da begeht man keinen Selbstmord.“
Mich wunderte nicht, dass Frau Görres über die Familie der Toten bescheid wusste. Sie hatte dreißig Jahre in einer Zeitungsredaktion gearbeitet, in der sie ihre Neugier zum
Beruf machen konnte. Zu den meisten ihrer Bekannten von damals hatte sie noch Kontakt und war immer bestens über alles informiert.
Ich schenkte jedem ein Glas Wasser ein.
„Hat die Familie nicht einen Malereibetrieb?“, fragte ich.
„Farben und Lacke Sommer“, antwortete Frau Görres.
„Die haben fast jedes öffentliche Gebäude angestrichen. Die Tote ist die Tochter und müsste etwa in ihrem Alter gewesen sein, Camilla.“
„Wir waren Schulkameradinnen“, erklärte ich. „War sie nicht so eine attraktive Blonde?“
„Ja“, sagte Frau Görres. „Skandinavischer Typ. Genau wie Grace Kelly damals.“
„Und genauso gut gebaut.“ Herr Backes grinste.
„Mit einem ähnlich tragischen Ende“, sagte Frau Richter.
„Und bei beiden sind die Umstände nicht geklärt.“
„Was wissen Sie über Ramona Sommer?“, wandte ich mich an Frau Görres.
„Klein-Sommer“, antwortete sie. „Über ihren Mann weiß ich leider nichts. Er ist so ein Mausschubser, sie wissen schon.“
„Informatiker“, erklärte Herr Backes.
Frau Görres sprach unbeirrt weiter. „Jedenfalls stammt er nicht aus Aachen, lebt aber schon lange hier. Ramona hat im elterlichen Betrieb mitgearbeitet. Vor ein paar Jahren
übernahm ihr Bruder die Leitung. Wie es hieß, würde sie ihm unter die Arme greifen, da Ralf Sommer eher durch Abwesenheit glänzte.“
„Warum leitete sie dann nicht die Firma?“, fragte ich.
„Weil sie die Tochter ist“, antwortete Frau Görres.
„Schon erstaunlich“, sagte Frau Backes. „Wir haben Kanzlerin Merkel, die Engländer seit Jahrzehnten ihre Queen, aber diese Familienbetriebe sind so konservativ, dass es weh tut.“
Frau Hansen kam mit ihrem Rollstuhl angefahren. Sie sah Richtung Küche und schnüffelte. „Es riecht nach Rouladen.“
Ich nahm eine Speisekarte vom Tisch. „Schmorbraten mit Salzkartoffeln oder gefüllte Paprika mit Reis.“
„Dann hätte ich gerne den Schmorbraten, Fräulein.“
„Später, Frau Hansen“, antwortete ich.
Es hätte keinen Sinn, ihr zu erklären, dass ich für die Betreuung und nicht fürs Essen zuständig war. Dafür war die Demenz bei ihr zu weit fortgeschritten.
Ich sah auf die Uhr. „Schluss für heute. Ich bringe sie wieder auf ihre Stationen.“
Es begann das gewohnte Chaos. Zwölf nahezu identitische Rollatoren und zwölf Bewohner, die nicht warten wollten, bis ich sie allen zugeordnet hatte.
Viertel nach elf war jeder der Teilnehmer wieder auf seiner Station. In einer halben Stunde würden achtzig Bewohner nach unten zum Essen strömen. Das Leben in einem Altenheim bot nicht mehr viele Highlights und so wurde das tägliche Mittagessen zu einem. Mein Magen knurrte. Ich würde gefüllte Paprika essen und mich mit einer doppelten Portion Schokopudding stärken, bevor der Freitagsalptraum begann.
Als ich die Tür zum Verwaltungstrakt öffnete, wo sich unser Büro befand, stieß ich beinahe mit einer jungen Frau zusammen, deren roter Bürstenhaarschnitt mir vertraut war.
„Tessa?“, fragte ich.
„Jou“, antwortete sie. „Keine Zeit, ich habe einen Termin.“
„Die können sich deine Beratungsdienste leisten?“
„Ich bewerbe mich als Altenpflegerin.“
Ohne weitere Erklärung betrat Tessa das Büro der Pflegedienstleitung und ließ mich irritiert im Flur zurück. Als Fachfrau für Computersicherheit verdiente meine Freundin mit ihrer Firma ein Heidengeld. Aber das war nur ein Nebenjob, denn ihre Leidenschaft galt dem Kampf gegen die Ungerechtigkeiten des Systems. Sie sah sich als Stimme des Volkes, als Rächerin der Abgehängten. Was plante sie diesmal?

Nach der Mittagspause versammelten meine Kolleginnen und ich uns im Büro des Sozialen Dienstes zur wöchentlichen Teamsitzung. Wie immer gab es Gedränge, da unser Team größer war als unser Büro. Allerdings litten auch wir unter Personalmangel. Das lag nicht an den schlechten Arbeitsbedingungen, sondern an unserer Teamleiterin Hera, vor der die meisten über kurz oder lang das Weite suchten. Der letzte neue Kollege war nach drei Wochen geflohen. Zwar hatte er als Mann bessere Karten, als wir Frauen, aber er hatte sich schon bald unbeliebt gemacht, da er ihr nicht genug Bewunderung entgegenbrachte. Ich hatte schon vor längerer Zeit den Überblick darüber verloren, wer wen ersetzte, genau wie die Bewohner, die sich auch über die vielen neuen Gesichter beklagten. Zur Zeit waren wir gut besetzt, so dass sich elf Mitarbeiterinnen im Büro drängten. Sonja, Anja und ich kannten den Ablauf der wöchentlichen Dienstbesprechung zur Genüge.
Wir wussten, wo man sich am besten hinsetzen und welche Plätze man besser meiden sollte. Wer neben Hera saß, musste ständig aufspringen, um ihr einen Stift oder einen Ordner zu reichen. Diesmal erwischte es Emma. Nachdem alle Platz genommen und sich mit Kaffee versorgt hatten, begann unsere Teamleiterin mit ihrem Monolog.
„Nächste Woche ist St. Martin. Da werden wieder die Kinder der Kita zu uns kommen und Lieder vorsingen.“
Anja gähnte, was Hera zum Glück nicht bemerkte.
Sie plapperte weiter. „Dann geht es mit strammen Schritten auf Weihnachten zu. Also macht euch Gedanken, wer in drei Wochen Plätzchen backen möchte.“
Meine Gedanken schweiften zu Grace Kelly, der Leinwandschönheit der fünfziger Jahre. Auch Hera entsprach dem nordischen Typ, wirkte aber nicht vornehm kühl wie Grace Kelly, sondern strahlte immer etwas Gehetztes aus.
Das lag unter anderem daran, dass sie sich nie langsam durchs Haus bewegen konnte. Herr Backes hatte ihren Gang einmal als typischen Feldwebelschritt bezeichnet, flott und zackig.
Ihre Haare wirkten wie Stroh, nicht wie eine goldene Welle, die sich um den Kopf schmiegte. Hera war von Natur ausdunkelhaarig, was man an den Ansätzen erkennen konnte. Deshalb wurden ihre Haare regelmäßig einer Wasserstoffperoxydbehandlung unterzogen, aber für eine Kurpackung schien sie nur selten Zeit zu haben.
Hera sprach jetzt über rückläufige Bewohnerzahlen, die Einstellung weiterer Mitarbeiterinnen und geplante Adventaktivitäten. Meine Gedanken schweiften zu Ramona, die so früh aus dem Leben gerissen worden war. Wer hatte ihr das angetan?
„Camilla, ich muss dir ein Lob aussprechen.“
Ich schreckte hoch, als Hera mich ansprach.
„Ihr hättet Camilla gestern bei der Gymnastik sehen sollen“, schwatzte Hera weiter. „Die Bewohner hatten einen Mordsspaß.“
Ich sah in die Runde. Emma kämpfte mit der Müdigkeit, während Sonja ihren Schreibblock bemalte und Anja den gesamten Schokoladenvorrat vernichtete.
Eilig griff ich die letzte Praline, einen Trüffel mit Vanillearoma. Ich schloss kurz die Augen und genoss den weichen Schmelz, der leider etwas zu süß war.
„Überhaupt ist sie richtig gut geworden in letzter Zeit, eine ganz wertvolle Kraft. Camilla erzähl doch mal.“ Hera sah mich erwartungsvoll an.
„Öhm, ja“, stammelte ich und schluckte eilig den Trüffel hinunter. „Wir konnten auf der Terrasse sitzen. Die Sonne schien und alle hatten gute Laune.“
„Gute Laune“, sagte Hera. „Frau Görres hat die ganze Zeit gelacht. Hast du Fotos gemacht?“
„Nein Gymnastik“, erwiderte ich.
Sonja sah mich belustigt an. Sie war nach Hera die Dienstälteste und wurde als die eigentliche Chefin angesehen, denn Sonja hatte immer den Durchblick.
„Macht mehr Fotos“, ermahnte Hera. „Die Bewohner lieben es, sich die Fotos ihrer Aktivitäten im Foyer auf dem Monitor anzusehen.“
„Da achtet kein Mensch drauf“, flüsterte mir Sonja zu.
Ich hatte sie einmal gefragt, warum sie nicht die Chefin sei. Sonja antwortete, Hera habe sich dazu ernannt und niemand habe widersprochen. Da sie lieber mit Bewohnern spräche, anstatt in irgendwelchen Besprechungen zu sitzen, sei sie mit dieser Regelung zufrieden.
Hera ließ einige Spiele herumreichen, die sie am Morgen in der Stadt gekauft hatte.
„Ich weiß, die Schränke sind voll”, sagte sie. Aber die waren so billig, da musste ich zuschlagen.“
Es handelte sich ausnahmslos um Spiele, die wir entweder schon besaßen oder nicht gebrauchen konnten, weil die Bewohner die Schrift nicht lesen oder die winzigen Einzelteile nicht greifen konnten.
Anja nahm ein Monopoly. „Darüber sterben uns die Bewohner doch weg“, raunte sie mir zu.
Ich stupste meine Kollegin Sonja an. „Und dafür war sie den ganzen Vormittag weg?“
„Sie hat auch noch eine Torte besorgt“, flüsterte Sonja mir zu. „Für den Kindergeburtstag ihres Sohnes.“
„Hat noch jemand etwas zu sagen?“, fragte Hera.
Sonja sah alle böse an. Vor allem die Neuen mussten daran erinnert werden, dass eine harmlose Frage das Meeting um eine halbe Stunde verlängern konnte.
„Camilla, würdest du bitte noch einen Moment bleiben?“, fragte Hera, während alle anderen eilig das Büro verließen.
Sie setzte sich an den Schreibtisch, griff zum Telefon und gab mir ein Zeichen, kurz zu warten.
„Hallo Elke, ich muss dir unbedingt etwas erzählen …“
Ich ging zum Fenster und sah hinaus. Drei Enten liefen über die Terrasse. Sie kamen seit ein paar Wochen regelmäßig vorbei und ließen sich von den Bewohnern mit Brot füttern.
Das warme, sonnige Wetter wollte ich für Spaziergänge mit Rollstuhlfahrern nutzen, die nur wenig Gelegenheit hatten, an die frische Luft zu kommen. Bei Sonnenschein trafen sich alle hinter dem Haus am Seerosenteich und sahen den Schildkröten beim Sonnen zu.
„Gestern hattest du ja nicht viele Teilnehmer in der Malrunde“, sagte Hera unvermittelt zu mir. Ihr Tonfall klang nicht mehr so begeistert wie vor einer viertel Stunde.
Hastig drehte ich mich um. „Drei Bewohnerinnen.“
„Warum nicht mehr?“ fragte Hera in dem ihr typischen Tonfall, der nichts Gutes erahnen ließ.
„Viele hatten Besuch gestern Nachmittag. Und andere wollten lieber in der Sonne sitzen. Aber Frau Richter, Frau Mayer und Frau Lohe hatten viel Spaß. Und sie haben wunderbare Bilder gemalt.“
„Das zählt nicht Camilla. Eine Gruppe mit drei Bewohnern ist keine Gruppe.“
„Anja hatte auch nur drei Bewohner beim Mensch-ärgere-dich-nicht“, wagte ich einen Einwand.
„Das war eine Spielerunde, keine Gruppe“, erwiderte Hera in der ihr eigenen Logik. „Du hast ein Kreativangebot gemacht. Das machen wir nicht so oft wie Spiele, und es sollte deshalb von mehr Bewohnern in Anspruch genommen werden.“
„Aber du betonst doch immer, dass Qualität vor Quantität geht. Und wie gesagt …“
„Ich möchte nicht weiter diskutieren“, fiel mir Hera ins Wort. „Beim nächsten Mal holst du dir noch mehr Bewohner zusammen oder du änderst den Plan und spielst ein Gesellschaftsspiel.“
„Vorige Woche hast du mich doch zur Kreativbeauftragten ernannt, damit wir nicht ständig nur Spiele spielen.“
Hera wandte sich dem Computer zu. „Hast du heute Nachmittag nichts zu tun?“
Resigniert verließ ich das Büro und begab mich auf die Suche nach willigen Spaziergängern. Aber ich hatte Pech. Frustriert lief ich über Station eins. Am hinteren Ende war eine Toilette, die selten benutzt wurde. Ich setzte mich auf den Deckel und holte mein Smartphone aus der Hosentasche.

Um den angestauten Frust des Tages abzubauen, hätte ich einen Dauerlauf nach Hause machen müssen, aber dazu waren meine Pumps ungeeignet. Deshalb wurde es ein langer Fußmarsch, der mich durch die Oppenhoffallee führte.
An anderen Tagen sah ich mir die stuckverzierten Fassaden der historischen Stadthäuser an, von denen es hier noch viele gab. Ein Eckhaus hatte es mir dabei besonders angetan, ein gelb gestrichenes mit weißen Säulen neben der Eingangstür und kleinem Rundturm im oberen Stockwerk. In Gedanken malte ich mir aus, in diesem Turmzimmer eine Leseecke einzurichten. Das ideale Ambiente für die Romane von Nora
Roberts oder Ingrid Noll. Doch heute hatte ich keinen Blick für das Turmhaus, denn der Ärger mit Hera steckte mir noch in den Knochen. Zum Glück war Freitag und ich hatte keine Pläne fürs Wochenende, außer einer Verabredung mit meinem Freund Daniel morgen Abend. Den Rest der Zeit wollte ich lesen, stricken und faulenzen.
In einer Nebenstraße bemerkte ich ein Wohnmobil, das ganz in Schwarz lackiert war. Es war eins dieser riesigen Luxusfahrzeuge, wie man sie manchmal in amerikanischen Dokus bewundern kann und die von einem schlichten Camper soweit entfernt sind wie Hera von einem liebevollen Charakter.
Ich ging hinüber. Gardinen mit Einhornmotiven verdeckten die Sicht nach innen, ließen aber dumpfe Bässe und einen süßlichen Geruch nach draußen. An der Tür hing ein massiver Türklopfer in Form eines Löwenkopfs.
Ich klopfte.
„Gestern standest du noch auf dem Campingplatz“, sagte ich zur Begrüßung, als meine Freundin Tessa die Tür öffnete. „Und gestern dominierten noch Totenköpfe.“
„Totenköpfe wurden mir zu trist.“ Sie ging zur Seite und ich betrat Tessas Reich, wo ich einige Papierstapel zusammenschob, die die ganze Sitzfläche im Wohnmobil einnahmen.
„Man sollte meinen, ein Computerfreak wie du kommt ohne Papier aus“, sagte ich und dachte an Tessas Wohnung, in der sie bis vor einigen Jahren gelebt hatte. Unzählige Rechner hatten jede freie Fläche eingenommen, drei bis vier Monitore waren ständig in Betrieb, auf denen verschiedenste Zahlenkolonnen und Programmiercodes runter ratterten. Im Sommer war es durch die Wärmeerzeugung der Geräte nicht auszuhalten, dafür sparte sie im Winter die Heizung. Zeitweise hatte ich Angst, die Böden würden unter dem Gewicht der Lasten zusammenbrechen, denn außer den Computern hortete Tessa noch CDs, Fachbücher und jede Menge Ersatzteile. Jetzt übernahmen ein Rechner und ein Laptop die gleiche Aufgabe. Tessa hatte mir einmal erklärt, die Rechenleistung der Computer würden sich alle anderthalb Jahre verdoppeln.
Ich setzte mich. „Wie war dein Vorstellungsgespräch?“
Statt eine Antwort zugeben,machteTessa eswieder einmal spannend, in dem sie wortlos unter den Tisch in der Mitte des Innenraums griff und zwei Flaschen heraufholte. Es war Kriek, belgisches Kirschbier.
Tessa öffnete die Flaschen mit einem Feuerzeug, das sie unter einem Papierstapel hervorkramte. Dann setzte sie sich und nahm einen großen Schluck.
Ich tat es ihr gleich.
„Die haben Vorstellungen“, sagte sie nach einer Weile.
„Zwölf Tage am Stück arbeiten. Die Frühschicht beginnt um halb sieben, die Spätschicht endet um acht.“
„Hast du gleitende Arbeitszeiten erwartet?“, fragte ich.
„Nein“, sagte Tessa. „Aber einen Dienstwagen und eine Garantie, dass ich keine Überstunden machen muss. Du hättest das Gesicht der Pflegedienstleiterin sehen sollen.“
Ich mochte Frau Otto, die häufig zwischen dem Sozialen Dienst und den Pflegekräften vermitteln musste. Sie war eine der wenigen, die unsere Arbeit würdigte und uns nicht als Faulenzer betrachtete, wie die Pflegekräfte es häufig taten.
„Ein Altenheim ist kein Daxunternehmen“, erwiderte ich.
„Ein Dienstwagen ist da wohl zu viel verlangt.“
„Wenn die so dringend Leute brauchen, sollen sie sich was einfallen lassen, um gutes Personal zu bekommen.“
„Apropos gutes Personal“, sagte ich. „Du hast nicht die geringste Ahnung von Pflege.“
Tessa griff nach einer Bewerbungsmappe und warf sie mir herüber.
„Therese Becker“, las ich. „Examinierte Altenpflegerin.“
Die folgenden Seiten zeigten eine Reihe Zeugnisse und Urkunden, die mir bekannt vorkamen.
„Du hast meine Examensurkunden gefälscht?“
„Nur als Vorlage verwendet.“
„Und warum das Ganze?“, wollte ich wissen. „Hast du deine altruistische Ader entdeckt?“
„Recherche“, antwortete sie. „Ich möchte herausfinden, was Arbeitssuchende sich alles gefallen lassen müssen.“
„Das hat Günter Wallraff schon rausgefunden“, sagte ich.
„Wie war der Drachen heute?“, wechselte Tessa das Thema.
„Erst großes Lob, dann großer Tadel.“ Ich seufzte.
„Warum arbeitest du da eigentlich noch?“ Sie nahm zwei weitere Flaschen Kriek und reichte mir eine.
Ich lehnte mich zurück. „Weil du dich nicht ins System der Deutschen Bank einhacken willst, um mir eine Million zu überweisen.“
„Und was willst du deiner Familie sagen?“
„Lottogewinn.“ Ich nahm einen großen Schluck Kriek.
„Du könntest so viel Gutes bewirken, wenn du den Banken Geld wegnehmen und zum Beispiel Frauenhäusern spenden würdest.“
Tessa zuckte mit den Schultern. „Habe ich schon drüber nachgedacht. Aber ich habe noch keinen Weg gefunden, wie ich das schaffe, ohne für großen Wirbel zu sorgen.“
„Seit wann hast du was gegen Wirbel?“
„Glaubst du, die Frauenhäuser würden das Geld behalten, wenn es von der Deutschen Bank käme?“
„Schade“, entgegnete ich. „Dabei könnten wir einen modernen Robin Hood wirklich gebrauchen.“
„Möchtest du einen Joint?“ Tessa nahm eine Dose vom Tisch. Sie holte Tabak und ein kleines Tütchen mit Marihuana heraus, verteilte beides auf einem Zigarettenpapier und drehte es zusammen.
„Aber mal ehrlich“, sagte Tessa, nachdem sie den Joint angezündet hatte. „Mensch-ärgere-dich-nicht mit alten Leuten spielen. Dafür bist du zu gut.“
„Nicht jeder kann selbstständig sein wie du“, antwortete ich. „Ich hätte auch programmieren lernen sollen, aber meine Eltern fanden den Computerkurs an der Schule nicht so wichtig.“
Tessa nahm einen langen Zug. „Glaubst du, ich habe meine Kenntnisse aus der Schule?“
„Ich habe wohl die falschen Interessen“, überlegte ich, nicht zum ersten Mal.
„Du hast den falschen Arbeitgeber“, erwiderte Tessa. „Ich erinnere mich noch, als du dort angefangen hast. Damals war von vernetzter Arbeit die Rede. Von Kontakten zu anderen Vereinen oder Teilnahme der Alten am Stadtleben. Alles nicht sonderlich spannend, aber was ist davon geblieben?“
„Wir fahren regelmäßig zum Wochenmarkt.“
Tessa schnaubte.
„Ich habe interessante Aufgaben“, verteidigte ich meine Arbeit.
„Was denn?“
Ich dachte einen Moment nach. „Aktivierung bettlägeriger Bewohner, Brauchtumspflege und generationenübergreifende Kontakte.“
„Das heißt Gymnastik im Bett, einmal im Jahr Grillfest und Kleinkinder ins Altenheim.“
„Alte Leute mögen kleine Kinder.“
Tessa gab noch keine Ruhe. „Und was ist mit der vernetzten Vereinsarbeit?“
„Macht Hera.“
„Und hält euch dabei klein.“ Tessa reichte mir den Joint.
„Warum machst du nicht endlich etwas, was deinen Fähigkeiten entspricht?“
„Dazu müsste ich wissen, was meine Fähigkeiten sind.“
Ich nahm einen Zug vom Joint und unterdrückte den Hustenreiz, den der Tabak auslöste.
„Was machst du, wenn sie dir einen Festvertrag anbieten?“ Tessa nahm den Joint und zog daran.
„Damit rechne ich nicht.“
„Aber du bist zwei Jahre da und danach wird ein Festvertrag fällig.“
„Oder die Kündigung“, entgegnete ich.
„Das Soziale im Verständnis der Sozialverbände bezieht sich nie auf die Angestellten“, philosophierte Tessa. „In anderen Ländern werden soziale Berufe besser bezahlt und mehr geachtet.“
Ich antwortete nicht, sondern überlegte, was ich mir zum Abendessen gönnen würde. Angebratene Nudeln mit Ei, Fleischwurst und Apfelmus. Das war eines meiner Lieblingsessen, schon seit der Kindheit. Habe ich erwähnt, dass ich seltsame Essgewohnheiten habe?
Da mir die Luft zu stickig wurde, beugte ich mich nach hinten, um ein Fenster zu öffnen. Die süßlichen Haschischschwaden drangen nach draußen. Sie würden Tessa nicht sonderlich beliebt machen bei den Anwohnern, denn das Frankenberger Viertel war eine bevorzugte Wohngegend für junge Familien.
Ich stand auf. „Ich gehe nach Hause, mache mir ein ungesundes Abendessen und setze mich dann mit Jane Austen auf die Couch.“
„Ich empfehle Quentin Tarrantino“, antwortete Tessa. Sie holte ein Tütchen Marihuana heraus und gab es mir. „Zur Entspannung.“

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