Das Badische Sibirien

Das badische Sibirien ist ein wunderbares Fleckchen Land, zwischen Schwarzwald, Bodensee und schwäbischer Alb gelegen.
Diese Zwischenlage ist es, die die Mentalität der Einheimischen prägt. Da man nirgendwo dazugehört, bleibt man am liebsten unter sich und hält sich nicht am Tourismus auf, jenem Wirtschaftszweig, der zwar viel Wohlstand, aber auch viel Fremdes und Neues mit sich bringt.
Für den einen oder anderen verirrten Touristen bietet die Gegend trotz allem eine Reihe interessanter Sehenswürdigkeiten. Neben den zahlreichen kleinen Dörfern, die mit ihrem morbiden Charme verzaubern, sind auch die üblichen Schlösser und Kirchen, sowie eine Reihe freundlicher Toiletten zu bestaunen.
Man wartet auch mit einigen Museen auf. Um zu gewährleisten, das diese nicht von zu vielen Touristen heimgesucht werden, beschränken sich die Öffnungszeiten in der Regel auf nur wenige Stunden in der Woche. Das gleiche gilt auch für die bereits erwähnten freundlichen Toiletten.
Dem erfahrenen Touristen, dessen Auge nicht nur das Alltägliche sieht, wird sehr schnell eine ca. 10 cm große, blankpolierte Kugel in einer Außenwand der Kirche von Meßkirch auffallen. Sollten sie tatsächlich auf einen Einheimischen treffen und ihn nach dem Ursprung befragen, wird er auf die berühmte Schlacht zu Meßkirch im Jahre 1800 hinweisen. Den meisten Deutschen unbekannt, hat dieses denkwürdige Ereignis sich in das kollektive Gedächtnis der hiesigen Bevölkerung eingebrannt. Viele sind bis heute davon überzeugt, dass dies das Ende der Napoleonischen Herrschaft über Europa einläutete, obwohl er die Schlacht gewann. „Aber nicht den Krieg“, wurde mir dazu von jedem der Befragten erklärt.
Die Kugel wird vom örtlichen Interessensverein zum Erhalt der Kanonenkugel aus der Schlacht bei Meßkirch liebevoll gehegt und gepflegt. Es geht das Gerücht um, dass es sich bei dieser Kugel nur um eine minderwertige Kopie handelt, da das Blei des Originals sicher anderweitige Verwendung gefunden hat. Der Vorsitzende des Vereins sagt dazu: „Den Meßkirchern ist ihre Kugel heilig. Niemand, ich betone, niemand, hätte sich an ihr vergangen.“
Nichts ist den Einheimischen so wichtig, wie frühes Aufstehen, frühes Zubettgehen und eine ausgedehnte Mittagspause. In der Zeit von 12 Uhr mittags bis 15 Uhr am Nachmittag trifft man keinen Menschen auf der Straße an. Nur die eine oder andere streunende Katze stört diese Idylle. Trotz langjähriger Versuche, ist es bisher noch niemandem gelungen, eine Katze dahingehend zu erziehen, die Mittagspause einzuhalten und die Uhr zu lesen.
Auch einige Einheimische beherrschen diese moderne Fähigkeit noch nicht. Bauer Toni sagte dazu neulich in einem Interview: „Warum soll ich was lernen, wenn mein Großvater es auch nicht konnte.“ (Übersetzung ins Hochdeutsche durch die Autorin)
Die Kirche tritt diesem Missstand entgegen und lässt die zahlreichen Kirchturmuhren bis zu viermal in der Stunde schlagen, auch des Nachts. So wird es jedem ermöglicht, am Alltagsleben teilzunehmen. Klagen gegen diesen Brauch, der von Zugezogenen auch als Lärmbelästigung bezeichnet wird, wurden bisher immer erfolgreich abgewiesen, mit dem Hinweis auf das oben erwähnte Interview.
Ob die Kirchturmuhren wirklich rund um die Uhr schlagen müssen, wird kontrovers diskutiert, da in den meisten Dörfern bereits um 20:00 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt und die Straßenlaternen gelöscht werden. Danach befinden sich nur noch streunende Hunde, Räuberbanden oder verspätete Stammtischheimkehrer auf der Straße.
Entgegen anders lautender Gerüchte, verfügt die Gegend seit mehreren Jahren über ein zuverlässiges, flächendeckendes und modernes Stromnetz. Die teils sehr gewagt anmutenden Stromkabel, die von Haus zu Haus gespannt sind, lassen allerdings anderes vermuten. Aber derlei Gebilde sind nicht nur ein einzigartiges Zeugnis einer vergangenen Epoche, sondern eignen sich hervorragend als Wäscheleine. Denn nichts verabscheut der Schwabe so sehr, wie die Verschwendung.
Deshalb wird auch beim jährlich stattfindenden Marmeladeeinkochen nichts verschwendet. Alles, was die Masse streckt, wird verarbeitet, auch die im Apfel enthaltenen Würmer. Nach Hinweisen, wie: dieses Produkt ist rein vegetarisch oder: für Veganer geeignet, sucht man auf den liebevoll gestalteten Etiketten vergeblich.
Viele Einheimische bezeichnen ihre Heimat voller Stolz als badischen Geniewinkel. Damit bezieht man sich auf den berühmtesten Sohn der Gegend, Martin Heidegger, dem man ein eigenes Museum gewidmet hat. Man blickt großzügig darüber hinweg, dass er schon in jungen Jahren die Gegend verlassen hat und erst nach seinem Tod zurück gekehrt ist.
Aber natürlich verweilt man nicht nur bei den Toten. Auch ein berühmtes Schwesternduo aus der Volksmusikszene ist gebürtig von hier und schämt sich nicht, es zuzugeben. Trotzdem baten die beiden darum, anonym zu bleiben.
Viele Wagemutige verließen ihre Heimat Messkirch früh, um in der Ferne Ruhm und Reichtum zu suchen. Trotz allem ist dieser Landstrich nicht vom Aussterben bedroht, dank der Gebärfreudigkeit der badischen Hausfrau. In dieser Gegend wird der Wert der Familie sehr hoch gehalten, im Gegensatz zu den industriell geprägten Landstrichen unserer Republik. Vielleicht liegt die wahre Ursache auch darin begründet, dass einige abgelegene Bauernhöfe noch keinen eigenen Kabelanschluss haben.
Auch ins badische Sibirien will der Fortschritt Einzug halten, stößt dabei aber auf heftigen Widerstand. Es ist bisher erfolgreich gelungen, alle Angriffe des Großkapitals abzuwehren. Ist das Volk sich auch in vielem uneins, wenn es um den Kampf gegen den Fortschritt geht, halten alle zusammen. Sollte einmal jemand anderer Meinung sein, wird er von den zahlreichen Stammtischen eines besseren belehrt.
Wozu Fortschritt, es läuft doch auch so? Wer kann sich dieser Logik schon entziehen?
Diese Erfahrung musste auch die Bundeswehr machen und mit ihrer geplanten Kaserne in einen benachbarten Landkreis ausweichen. Die Jungfräulichkeit ihrer Töchter ist den Einwohnern des badischen Sibiriens nun einmal heilig.
Auch der Betreiber eines Krematoriums würde gerne in dieser Gegend Fuß fassen und eine Filiale eröffnen. Die Einheimischen befürchten aber, dass es nicht genügend natürliche Kundschaft gibt und dass der Betreiber gezwungen sein könnte, sich seine Kunden auf illegalem Weg zu beschaffen, sei es, indem er das natürliche Ableben der Menschen beschleunigt oder Tote aus dem Ausland importiert.
Beteuerungen des Betreibers, dass er gesetzlich verpflichtet sei, die Herkunft jedes Toten lückenlos nachzuweisen, wird kein Glauben geschenkt.
Sie sind schon ein liebevolles Völkchen, die Einwohner des badischen Sibirien. Ein bisschen einfältig, ein bisschen schlitzohrig und ein bisschen rückständig.