Eine Märchenhochzeit

Tanzen auf dem Wiener Kongress?
Mit Kolumbus Amerika entdecken?
Die Bastille erstürmen?

Wir machen Zeitreisen möglich!
www.original-zeitreisen.org

Das Original!

Das musste ein Scherz sein! Sofort griff ich zu meinem i-Phone und gab die Adresse ein. Und dort las ich es schwarz auf weiß: Zeitreisen! Die neuesten Erkenntnisse aus der Physik machen es möglich. Fordern sie noch heute unseren Prospekt an. Oder Sie vereinbaren einen Beratungstermin.
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.
Danach lud ich meine Freundin Annika für den Nachmittag zum träumen ein. Der trübe Samstag war gerettet!

„Also wo wollen wir hin?“, fragte ich Annika. Sie war genau wie ich ein großer Fan von Kostümfilmen und Geschichten aus der Welt des Hochadels. Schon oft hatten wir davon geträumt, einmal in die Vergangenheit zu reisen. Und so saßen wir mit der zweiten Flasche Prosecco vor der X-ten Doku über historische Ereignisse.
„Ich wäre gerne auf einer der legendären Partys vom großen Gatsby dabei“ sagte Annika.
„Das ist ein Film“, antwortete ich.
„Ja dann, wie wäre es mit einem Wiener Hofball? Sisi wollte ich schon immer mal treffen.“
„Die war aber nie dabei.“
„Dann überlege du dir was Manou“, entgegnete Annika etwas schnippisch.
„Schon gut, wir warten mal ab, was der Beratungstermin uns bringt.“

Schon ein paar Tage später saßen wir beide mit einem Mitarbeiter von Original-Zeitreisen in meinem Wohnzimmer. Ich war sehr aufgeregt. Was würde er uns erzählen? Und konnten wir eine Zeitreise bezahlen? Annika blätterte in einem Katalog und zeigte immer wieder begeistert auf ein Ereignis.
„Für die erste Reise empfehlen wir immer ein Ziel, dass nicht zu sehr in der Vergangenheit liegt“, erklärte er. So kann man sich allmählich in die verschiedenen Epochen mit ihren Regeln und Konventionen einfinden.“
„Aber wohin?“, fragte ich.
„Dianas Hochzeit!“, rief Annika und zeigte auf den Prospekt. „Eine echte Märchenhochzeit.“
Alle Formalitäten waren schnell erledigt. Die Wochen vor unserer ersten Zeitreise verbrachten wir in der Bibliothek und vor dem Rechner. Wir recherchierten alles, was wir über das englische Königshaus und die frühen 80er finden konnten.

So gewappnet, betraten wir am 29. Juli das Zeitreiseinstitut. Heute vor genau 33 Jahren hatten Lady Diana Spencer und Charles, Prince of Wales geheiratet. Was danach folgte, war uns nur zu bekannt, doch davon würden wir uns unsere erste Zeitreise nicht verderben lassen. Ich war schrecklich aufgeregt und fühlte mich zugleich ganz feierlich.
Wir wurden von einer netten jungen Frau erwartet: „Herzlich Willkommen. Ich bin Svenja, eure Reisebegleiterin. Zunächst müsst ihr euch umziehen. Wir wollen ja nicht direkt als Zeitreisende erkannt werden. Dort in den Umkleidekabinen liegt alles bereit.“
„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte ich, nachdem wir uns umgezogen hatten. Jetzt wurde es ernst!
„Die wissenschaftlichen Vorgänge wären etwas kompliziert zu erklären“, antwortete Svenja. „Ihr kennt Raumschiff Enterprise?“
Wir nickten und sie sprach weiter: „Kurz gesagt, wir werden jetzt in die Vergangenheit gebeamt. In Kürze werden wir in einem Hotelzimmer ankommen. Von dort können wir das Geschehen beobachten oder uns ins Getümmel stürzen, ganz wie ihr wollt.“
„Ich bin schon ganz aufgeregt!“, rief Annika aus. „Lasst uns endlich starten!“
Wenige Minuten später fanden wir uns im Jahr 1981 wieder.
In der Mitte des Hotelzimmers standen eine große Couch, zwei Sessel und ein Tisch. Durch eine geöffnete Tür konnte man ins Schlafzimmer blicken. Die Räume waren in weiß und beige eingerichtet und strahlten den unpersönlichen Chic einer teuren Hotelsuite aus.
„Das musst du dir ansehen!“, rief Annika vom Balkon aus.
Unser Zimmer war ein Eckzimmer und wir konnten eine große Kreuzung überblicken. Alle Häuser waren festlich geschmückt und am Straßenrand standen tausende Menschen.
„Da vorne ist St. Paul`s Cathedral, wo die Braut etwa um 11:20 Uhr erwartet wird“, sagte Svenja, die hinter mir den Balkon betreten hatte. „Ab 9:30 Uhr treffen die ersten Gäste ein, das who´s who aus Adel und Politik.“ Sie ging ins Zimmer zurück und kam mit einer Flasche Champagner und drei Gläsern zurück. „Und jetzt machen wir es uns gemütlich. Schließlich wollen wir den Tag doch genießen.“
„Lasst uns nach draußen gehen“, rief Annika aufgeregt.
Bevor ich etwas sagen konnte, war sie schon aus dem Zimmer gestürmt. Wir folgten ihr und holten sie in der Lobby ein. Dort stand ein Fernseher, auf dem Gäste und Personal das Geschehen beobachteten. Dieses antike Stück galt hier sicher als hochmodern. Wir sind tatsächlich in der Vergangenheit, wurde es mir schlagartig bewusst.
Vor dem großen Fenster konnten wir die Menschen auf der Straße beobachten. Ich war froh, nicht da draußen zu sein, denn große Menschenmengen mag ich nicht.
Ein junger Kellner winkte uns zu und bot uns ein Glas Champagner an. Während ich noch unschlüssig war, gesellte sich Annika zu der buntgemischten Gruppe und ließ sich von der lockeren Stimmung anstecken.
Auch Svenja und ich gesellten uns dazu.
„Das ist Mary“, erklärte uns Annika. „Sie ist extra aus Melbourne angereist, um dabei zu sein. Könnt ihr euch das vorstellen?“
„Wenn man bedenkt, wo wir herkommen“, antwortete ich. Die Zweideutigkeit der Bemerkung war zum Glück nur Svenja und Annika bewusst.
Nach einer Weile wurde es draußen lauter und viele Menschen schwenkten den Union Jack.
„Da ist die Queen!“, rief Annika aufgeregt und zeigte auf den Fernseher „Ist die noch jung.“
Ich trat Annika so fest auf den Fuß, dass sie aufschrie.
Dann hörte man Jubel von draußen und wir blickten gespannt auf den Fernseher.
„Die Braut!“ rief ich und zeigte auf eine weitere Kutsche. Um genau 11:20 Uhr kam sie vor der Kirche an. Plötzlich wurde es ganz still.
Gespannt beobachteten wir, wie sie die Kutsche verließ und die Brautjungfern die vielen Meter Seidentaft ihres Brautkleides entfalteten.
Die Braut betrat an der Seite ihres Vaters die Kirche. Kurz vor dem Altar zögerte sie einige Augenblicke. Niemandem hier schien das aufzufallen. Aber Annika und ich, die wir diese Szene schon dutzende Male auf You tube gesehen hatten, wussten genau, was in diesem Moment in Diana vorging.
„Da ist Camilla, die falsche Schlange“, platzte es aus Annika heraus.
„Camilla?“ fragte Mary, sichtlich verwirrt.
„Camilla Parker Bowles!“, rief Annika. Dann kreischte sie auf, weil ihr ein Glas Champagner über das Kleid lief.
„Das tut mir sehr leid“, sagte ich entschuldigend. Es klang wohl nicht sehr überzeugend. „Lass uns nach oben gehen und die Flecken auswaschen.“ Bevor sie irgendwelche Einwände erheben konnte, zog ich sie zum Aufzug. Svenja folgte uns.
Den Rest der Trauung genossen wir auf dem Fernseher in unserem Zimmer.
„Zeit zu gehen“, sagte Svenja, als das Paar gemeinsam die Kirche verließ und zum Buckingham Palace fuhr. „In etwa fünf Minuten werden wir wieder in die Gegenwart geholt.“
Annika und ich sahen uns an und unser Blick sagte dasselbe. Das wird nicht unsere letzte Zeitreise sein.