Peppino

„Peppino! Peppino, wo bist du? Komm doch her!“
Infantin Isabella Clara sucht mal wieder nach mir. Aber wo soll ich schon sein? Hier oben natürlich. Ich halte mich am liebsten oben auf, denn Klettern ist meine Leidenschaft.
Leider bin ich der Einzige meiner Art hier, ein kleiner Affe unter ganz vielen anderen Tieren. Darüber bin ich oft traurig, denn ich sehne mich danach, mit anderen Affen durch die Bäume zu toben.
Die Menschen, das sind die komischen großen Tiere da unten, können nicht durch Bäume toben. Sie richten sich ständig auf und laufen nur auf ihren hinteren Beinen. Ich habe noch nie gesehen, dass eines von ihnen auf allen Vieren läuft. Und einen Schwanz haben sie auch nicht. Der Mensch, der gerade gerufen hat, kümmert sich um mich. Er ist kleiner als die anderen. Ich denke, das ist ein Junges.
Das Kleine wird Infantin Isabella Clara genannt. Es wird von ganz vielen anderen versorgt. Vermutlich sind das alles Weibchen. Es ist ja oft so, dass die Weibchen mit den Jungen unter sich bleiben. Ich frage mich allerdings, warum es hier nur ein Junges gibt und warum sich so viele Weibchen darum kümmern.
Da unten herrscht schon den ganzen Vormittag große Aufregung, denn später kommt der Leitaffe zu Besuch. Ich nehme zumindest an, dass es der Leitaffe ist.
Das ist immer ein beeindruckendes Schauspiel. Wenn er kommt, geht die große Doppeltür auf und jemand ruft: „Seine Majestät, König Phillip II. von Spanien!“ Die rufen noch einiges mehr, aber das kann ich mir nicht merken.
Warum jemand einen so langen Namen hat, ist mir schleierhaft. Ich habe mal eine der Katzen, die hier im Baum hockte, danach gefragt. „Keine Ahnung, und es ist mir auch egal,“ war ihr einziger Kommentar. Dann hat sie sich weiter geputzt und mich ignoriert.
Sobald die Tür offen ist, werfen sich alle auf den Boden. Alle außer Infantin Isabella Clara. Sie verbeugt sich nur kurz und dann umarmen sich die beiden. Sie unterhalten sich oder gehen spazieren, während alle anderen drinnen bleiben.
Da ist ja ein Fenster auf! Dann werde ich doch sofort mal hinaus hüpfen und in den großen Baum klettern. Ganz weit nach oben will ich.
Herrlich wie das duftet. Zur Zeit steht dieser Baum in voller Blüte. Die Blüten sind rosa, genauso wie das neue Fell von Infantin Isabella Clara. Sie hat es gestern bekommen und dann war sie ganz aufgeregt. Sie hat sich damit gedreht und ist im Zimmer herumgetanzt. Und vor lauter Freude hat sie mir ein Stück Apfel geschenkt.
Die Felle der Menschen sind alle sehr bunt. Ich sage Felle, weil sie die tatsächlich wechseln können. Das ist wohl das Seltsamste an ihnen.
Die Menschen erinnern mich immer ein wenig an die Pfauen, die hier im Garten herumstolzieren. Wenn die ihr Rad schlagen, um ein Weibchen zu beeindrucken, dann bin auch ich immer ganz beeindruckt. Am schönsten ist das, wenn die Sonne scheint. Dann schillern die Schwanzfedern in allen Farben, in blau und grün und schwarz. Daran kann ich mich gar nicht satt sehen.
Ich habe auch einen langen Schwanz. Aber den kann ich nicht so schön auffächern. Ich kann ihn aber um einen Ast wickeln und mich dann hin und her schwingen.
Herrlich wie diese Blüten duften. Ich werde Infantin Isabella Clara eine davon mitnehmen, um mich für den Apfel zu bedanken.
Drinnen herrscht gerade große Aufregung. Bestimmt kommt jetzt König Phillip II. von Spanien usw. Ich muss rein und mir dieses Spiel ansehen. Es ist zu lustig, wie sie sich alle vor ihm verbeugen und diese ganz unterwürfigen Gesten machen.
So! Von meinem Platz hier auf dem Schrank kann ich alles genau beobachten. Da ist ja auch das zweite Junge. Es heißt Prinzessin Katharina Michaela und kommt uns jeden Tag besuchen. Ich frage mich, warum es woanders lebt. Es bleibt immer lange hier und die beiden spielen viel mit mir. Prinzessin Katharina Michaela hat auch jedes mal etwas leckeres für mich. Mal ein paar Weintrauben, einen Apfel oder eine Feige. Gestern hatte sie etwas dabei, das sie Pfeffer nannte. Aber das war ganz scharf auf der Zunge und niesen musste ich auch.
Was geht da unten nur vor? König Phillip II. von Spanien usw. guckt so ernst. Anscheinend hat er eine wichtige Nachricht. Da muss ich doch jetzt mal gut zuhören.
„Meine Tochter, setze dich bitte einen Augenblick zu mir. Ich habe Nachricht von meinem Cousin, dem Kaiser Maximilian von Habsburg erhalten.“
„Geht es um meinen Verlobten?“
Was ist denn ein Verlobter? So wie sie guckt, scheint das nichts Gutes zu sein. Hoffentlich sagt er noch etwas dazu.
„Ich bewundere deinen Scharfsinn meine Tochter. Die Verlobung wurde damals von unserem Botschafter vertraglich geregelt, ohne dass ihr beiden euch jemals kennenlernen konntet. Nach all den Jahren ist es jetzt an der Zeit, das nachzuholen.“
„Bedeutet das, dass wir auch bald heiraten werden? Aber Papa! Österreich soll ganz kalt sein!“
Heißt das, sie wird mich verlassen? Und was wird dann aus mir? Da bekomme ich ja richtig Angst!Was sagt König Phillip II. von Spanien usw.? Ich muss weiter zuhören.
„Isabella, du hast gewusst, dass dieser Tag einmal kommen wird. Zunächst einmal werden er und sein Vater uns besuchen In ein paar Tagen treffen sie hier ein und dann werden wir alles weitere besprechen. Aber ich verspreche dir, dass wir auch deine Wünsche berücksichtigen.“
Jetzt geht er wieder. Arme Infantin Isabella Clara! Jetzt ist sie ganz traurig. Sie weint sogar. Da werde ich sofort mal zu ihr hüpfen und ihr die schöne Blüte schenken. Das muntert sie bestimmt wieder auf.